Singende Gentlemen – Interview Frankfurter Rundschau

Sie tragen Einstecktücher und klingen nach Motown. Im Interview erzählen „The Overtones“, wie die Queen bei einem Auftritt vor Begeisterung ihre Ohrstöpsel entfernte und warum sich jeder Mann wünscht, Frank Sinatra zu sein.

Timmy, Mark, Lachie, Darren und Mike tragen gerne Einstecktücher, polierte Lederschuhe und gut sitzende Jacketts. Beim Interview in der Kantine des Hessischen Rundfunks ist die erfolgreiche Londoner Band so fröhlich und höflich drauf wie in ihren Liedern. The Overtones erinnern an eine moderne Version einer Motown-Band. In Deutschland kennt man vor allem ihren Radio-Hit „Gambling Man“ (2012). Am 18. Februar startet die Gruppe ihre erste große Deutschland-Tour in Frankfurt.

Bassstimme Lachie Chapman kam mit 25 aus Australien nach London, eigentlich um als Schauspieler durchzustarten. Der 31-Jährige und der aufgedrehte, blonde, irische Leadsänger Timmy Matley (30) reden am meisten. Mike Crawshaw (30) gibt am Nebentisch ein Einzelinterview. „Aber er redet sowieso nie so viel“, sagt der Band-Älteste Mark Franks (35) und lacht. Darren Everest (30) hat die höchste Stimme der Truppe und ist der Ruhigste.

Die Band

Zunächst sangen die Londoner Mark Franks, Mike Crawshaw, Darren Everest und Timmy Matley nur zu viert. Von Anfang an mischten sie den fröhlichen Doo-Wop-Sound der 50er mit R’n’B und moderner Popmusik. 2009 traten sie noch als Lexi Joe bei der Castingshow X-Factor in Großbritannien auf, schafften es aber nicht unter die Top 24. Danach kam der Australier Lachie Chapman mit seiner Bassstimme dazu.

Ihr Debütalbum „Good Ol’ Fashioned Love“ verkaufte sich in Großbritannien 500.000-mal und erhielt eine Platin-Auszeichnung. An ihrem zweiten Album „Higher“ (2012) waren auch Erfolgsproduzenten wie Walter Afanasieff beteiligt, der schon mit Aretha Franklin und Mariah Carey gearbeitet hat. The Overtones traten bei den Olympischen Spielen 2012 in London auf.

Ihr seid vor kurzem beim Thronjubiläum der Queen aufgetreten. Hat sie euch die Hand geschüttelt?

Lachie: Das nicht. Aber in einem Video-Mitschnitt kann man sehen, dass sie während unseres Auftritts lächelt und heftig applaudiert. Das hat sie an dem Abend nur noch für Rod Stewart getan. Prinz Philip hat ihr was ins Ohr geflüstert. Und verdammt, wir wollen unbedingt wissen, was er da gesagt hat. (lacht)

Prinz William kam später auf euch zu …

Darren: Wir waren noch im Palast auf ein Glas Champagner eingeladen. Prinz William sagte: ,Granny hat eure Show wirklich genossen.‘ Deswegen hat sie die Ohrstöpsel, die sie normalerweise trägt, für unsere Songs rausgenommen. Wir mussten uns kneifen. Ein unvergesslicher Moment.

Ist es wahr, dass ihr vor eurer Karriere eine eigene Maler-und Renovierungsfirma hattet und während einer Tee-Pause mit Gesang entdeckt wurdet?

Timmy: Ja, das ist kein Märchen. Wir waren bereits sechs Jahre befreundet und sind auf Hochzeiten oder in Pubs aufgetreten. Am Anfang hatten wir alle verschiedene Jobs, um uns über Wasser zu halten …

Lachie: Ich arbeitete beispielsweise als Türsteher. Aber ich war zu nett. Ich habe wirklich jeden in den Club reingelassen. (lacht)

Darren: Oft fehlte uns also die Zeit zum gemeinsamen Proben. Und so entstand die Idee mit der eigenen Firma. Als wir an einem Tag in einer Pause „The Longest Time“ von Billy Joel sangen, kam zufällig eine Agentin vorbei und hörte uns. Kurz danach hatten wir einen Plattenvertrag.

Ihr tretet immer in schnieken Anzügen in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Würdet ihr für eine Frau diese wegwerfen, wenn sie nur Jeans mag?

Darren: Niemals. Ich würde dann eher sie entsorgen. Nein, ein Scherz. Aber ehrlich gesagt, bin ich noch keiner Frau begegnet, die einen Mann im Anzug nicht zu schätzen weiß.

Timmy: Außerdem ist das bloß unsere Arbeitskleidung.

Lachie: Unsere Musik ist ja soundmäßig in den 50er und 60er Jahren angesiedelt. Da trugen nicht nur Bands wie die Temptations schnieke Outfits. Auch die Zuschauer hatten sich so zurechtgemacht. Und warum sollen nur Frauen das Privileg haben sich hübsch anziehen zu dürfen?

Ihr seid alle um die 30. Trotzdem werdet ihr gerne als Boyband tituliert. Mögt ihr das?

Lachie: Wir sind eine Gruppe. Punkt. Ich fühle mich etwas beleidigt, wenn wir als Boyband bezeichnet werden.

Mark: Nun, es ist aber tatsächlich schwierig, ein Label für uns zu finden. Wir singen live viel a cappella und auf unserem neuen Album „Higher“ haben wir noch den Sound eines großen Orchesters dabei. Wir schreiben unsere eigenen Songs, covern aber auch alte Hits oder aktuelle Titel aus den Charts. Unser Stil ist Vintage Pop.

Aber ihr müsst zugeben, dass eure Fans eher weiblich sind. Wer ist deren Liebling?

Timmy: Lachie. Seine Bassstimme löst bei den Frauen etwas in der südlichen Region ihres Körpers aus. (lacht)

Sind die Männer eifersüchtig?

Lachie: Nein, sie finden uns cool. Denn in jedem Mann schlummert doch der Wunsch, mal ein fingerschnippender Frank Sinatra zu sein.

Lachie, Sie sprechen ein wenig Deutsch. Warum?

Lachie (in fast akzentfreiem Deutsch): Also ich lerne Deutsch mit Rosetta Stone. Das ist ein Computersprachprogramm. (Auf Englisch): Deutsch ist eine wunderschöne Sprache, sehr lyrisch. Aber „der, die, das“ zu lernen ist echt schwer. Ich finde es höflich, mit unseren deutschen Fans während des Konzerts in ihrer Sprache zu kommunizieren.

Seid ihr auch Gentlemen beim Schlussmachen?

Mark: Also vor ein paar Jahren habe ich meine damalige Freundin angerufen, weil ich vorbeikommen wollte, um mich von ihr zu trennen. Irgendwie hat sie das wohl geahnt und sagte ,Du kommst aber jetzt nicht vorbei, um Schluss zu machen?‘. Und ich antwortete: ,Doch, aber ich will es nicht am Telefon machen.‘ (lacht)

 


 

Erschienen: 01. Februar 2013

Autorin: Kathrin Rosendorff

Quelle: Frankfurter Rundschau

New album "Sweet Soul Music" OUT NOW!!! www.theovertones.tv